Nachgehakt: Wenn es auf 2 Meter stiller wird

Hamburger FM-Relais im Wandel – von 2010 bis heute

Es gab eine Zeit, da war Relaisfunk ausgesprochen unkompliziert. Frequenz einstellen, 600 kHz Ablage, gegebenenfalls 1750-Hz-Rufton – und los ging es. Kein Codeplug, keine Talkgroup, kein Reflektor, kein Hotspot und keine Registrierung in irgendeinem Netzwerk. Ein Funkgerät, eine Antenne und ein FM-Relais.

Wer sich die Hamburger Relaislandschaft seit 2010 anschaut, sieht jedoch einen deutlichen Wandel. Digitale Betriebsarten kamen hinzu, Relais wurden miteinander vernetzt, Standorte wechselten und aus einfachen Umsetzern wurden teilweise komplexe Kommunikationssysteme. Technisch ist vieles davon faszinierend. Trotzdem stellt sich inzwischen eine unbequeme Frage: Wo bleiben eigentlich die klassischen 2-m-FM-Relais?

2010 – die analoge Welt

Beginnen wir unsere Reise im Jahr 2010. Eines der prägenden Systeme war DB0XH auf 145,6625 MHz. Die damals eingesetzte 2-m-Relaistechnik ging 2010 in Betrieb. Bemerkenswert ist, dass die Steuerung sogar aus dem Jahr 2003 stammte.

Daneben gab es DB0HHA auf 145,725 MHz, damals noch als klassisches 2-m-FM-Relais. Das Prinzip war einfach. Ein Funkamateur benötigte ein FM-Gerät für 2 Meter. Selbst ein Jahrzehnte altes Mobil- oder Handfunkgerät war dafür ausreichend.

Und genau darin liegt eine Eigenschaft, die man heute gelegentlich unterschätzt: FM ist nahezu generationsübergreifend kompatibel. Ein Funkgerät von 1995 kann sich mit einem Gerät von 2026 über dasselbe Relais unterhalten.

2010 bis 2015 – FM ist selbstverständlich

In den ersten Jahren unseres Betrachtungszeitraums war die Frage nicht, welches digitale Verfahren ein Benutzer beherrscht. FM war schlicht der gemeinsame Nenner. Das bedeutete gleichzeitig eine sehr niedrige Einstiegshürde. Wer als Gast nach Hamburg kam, musste keine Talkgroups recherchieren oder einen Codeplug vorbereiten. Relaisfrequenz finden, Ablage einstellen – fertig.

Gerade für Mobil- und Portabelbetrieb war das ideal. Doch Mitte des Jahrzehnts begann sich die Hamburger Relaislandschaft sichtbar zu verändern.

2015 – DB0HHA zieht um

Im Sommer 2015 wurde angekündigt, dass das bisherige DB0HHA auf 145,725 MHz seinen Standort wechseln sollte. Das Relais zog auf den Fernmeldeturm Hamburg-Lohbrügge und nahm dort unter dem Rufzeichen DB0SY den Betrieb wieder auf. Im Oktober 2015 meldete der Nord-Ostsee-Rundspruch die Inbetriebnahme und kommentierte passend: „Damit hat der Osten Hamburgs wieder sein eigenes FM-Relais.“

Der Standort war attraktiv: Der Fernmeldeturm bot mit seiner Höhe eine hervorragende Ausgangslage für ein 2-m-Relais. DB0XH wiederum war seit 2015 vom Baursberg in Hamburg-Blankenese QRV.

Vereinfacht konnte man also sagen: Hamburger Westen: DB0XH. Hamburger Osten: DB0SY. Und beide waren auf 2 Meter für einen ganz normalen FM-Benutzer erreichbar.

Gleichzeitig beginnt die Digitalisierung

Interessanterweise lässt sich bereits 2015 sehr schön beobachten, wohin die Reise gehen sollte. Das 70-cm-Relais DB0SY auf 438,625 MHz in Lohbrügge wurde am 31. Juli 2015 vom bisherigen Multimodebetrieb auf reinen C4FM-Digitalbetrieb umgestellt.

Auf 2 Meter blieb dagegen FM bestehen. Damit zeichnet sich bereits ein Muster ab, das uns in den kommenden Jahren immer wieder begegnet: 2 Meter bleibt vergleichsweise konservativ – auf 70 Zentimeter wird experimentiert.

2017 – auch 2 Meter wird digitaler

Die Entwicklung blieb natürlich nicht auf 70 Zentimeter beschränkt. C4FM, DMR, D-Star und später Multimode-Systeme wurden immer verbreiteter. Moderne Relaissteuerungen ermöglichten Vernetzung, Internetanbindung und die Kopplung verschiedener Standorte.

Aus technischer Sicht ist das spannend. Aber spätestens hier begann sich auch die Bedienung zu verändern. Beim klassischen FM lautet die Bedienungsanleitung sinngemäß: 145,725 MHz einstellen – 600 kHz Ablage – PTT drücken.

Bei einem modernen digitalen Netz können dagegen Begriffe wie Talkgroup, Timeslot, Color Code, DMR-ID, Reflektor oder Codeplug hinzukommen. Das ist kein Argument gegen Digitalfunk. Aber es ist ein Unterschied.

2018 – 145,725 MHz verschwindet aus Lohbrügge

Anfang 2018 kam die nächste größere Veränderung. DB0SY wurde zu DB0HHH. Das ehemalige DB0SY-2-m-Relais auf 145,725 MHz wurde abgeschaltet und demontiert. Für das Relais sollte ein neuer Standort gesucht werden.

Doch damit war die Geschichte von 2-m-FM in Lohbrügge keineswegs beendet. Nur wenige Monate später geschah etwas Interessantes.

2018 – eine alte Hamburger Frequenz kehrt zurück

Am 5. April 2018 nahm DB0HHH auf dem Fernmeldeturm Lohbrügge ein neues 2-m-Relais auf 145,750 MHz in Betrieb. Und diese Frequenz hatte Tradition. Auf 145,750 MHz hatte bereits viele Jahre zuvor Hamburgs erstes 2-m-Relais vom Unilever-Hochhaus gearbeitet. Um das Jahr 2000 war der Betrieb wegen Störungen durch den Kabel-TV-Kanal S6 eingestellt worden.

2018 kam die Frequenz zurück. Technisch war DB0HHH allerdings bereits ein Kind der neuen Zeit. Auf der Eingabe akzeptierte das Relais sowohl analoges FM als auch digitales C4FM. Die Ausgabe war dagegen ausschließlich analoges FM.

Eigentlich eine ziemlich elegante Lösung. Wer C4FM ausprobieren wollte, konnte das tun. Wer sein altes FM-Gerät benutzen wollte, ebenfalls.

Vernetzung hält Einzug

Im August 2018 wurde DB0HHH per SvxLink mit dem ebenfalls auf 145,750 MHz arbeitenden DM0MAX gekoppelt. Damit änderte sich langsam auch die Vorstellung davon, was ein Relais eigentlich ist.

Früher war es im Wesentlichen: Empfänger → Steuerung → Sender. Nun kamen Netzwerke, Software, abgesetzte Empfänger und Standortkopplungen hinzu. Ein Relais musste nicht länger als isolierte Funkstelle betrachtet werden. Es wurde Teil eines Netzes.

2021 – selbst der Empfänger steht woanders

Ein besonders schönes Beispiel dafür ist DB0XH. 2021 wurde die seit 2010 verwendete 2-m-Technik modernisiert. Zum Einsatz kam ein Yaesu DR-1 mit SVX-Steuerung. Der eigentliche 2-m-Empfänger befand sich nun allerdings am Standort DF0HHH im Rosengarten. Die Verbindung zum Sender wurde unter anderem über eine 23-cm-Linkstrecke sowie über das SVX-Netzwerk realisiert.

Technisch ist das beeindruckend. Und DB0XH wurde dabei ausdrücklich auch unter dem Gesichtspunkt der Notfunktauglichkeit aufgebaut. Das zeigt etwas Wichtiges: Digitalisierung und Vernetzung sind nicht automatisch schlecht. Sie können ein analoges FM-System sogar erheblich verbessern.

2022 – FM lebt noch

Wer nun glaubt, klassisches FM sei zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden gewesen, liegt falsch. Eine DARC-Relaisliste führt Ende 2022 im Hamburger Umfeld beispielsweise DB0XH – 145,6625 MHz – Hamburg-Blankenese – FM, DB0OST – 145,725 MHz – Geesthacht – FM und DB0HHH – 145,750 MHz – Hamburg-Lohbrügge – FM.

Das ist wichtig für eine faire Betrachtung. Von einem vollständigen „Relaissterben“ konnte keine Rede sein. Aber die Infrastruktur hatte sich deutlich verändert.

2010 und heute sind zwei verschiedene Welten

Und genau hier liegt der Kern dieser Geschichte. Wir sollten nicht nur Relais zählen. Wir müssen betrachten, was aus dem klassischen Relaisfunk geworden ist.

2010 war ein Relais typischerweise eine lokale Funkstelle. 2026 reden wir über HAMNET, SVXLink, EchoLink, C4FM, DMR, D-Star, TETRA, abgesetzte Empfänger, Richtfunkstrecken und vernetzte Standorte. Das alles erweitert die technischen Möglichkeiten enorm. Aber brauchen alle Funkamateure diese Möglichkeiten?

Nicht jeder möchte einen Codeplug programmieren

Hier darf man auch einmal etwas deutlicher werden. Der durchschnittliche Funkamateur ist nun einmal keine 25 Jahre alte Mischung aus Softwareentwickler, Netzwerkadministrator und Hochfrequenztechniker. Viele unserer Funkfreunde sind seit 30, 40 oder 50 Jahren dabei. Sie besitzen hervorragende Funkgeräte. Und manche dieser Geräte sind älter als die Entwickler heutiger Digitalfunkprotokolle.

Warum sollte ein Funkamateur ein funktionierendes 2-m-Mobilgerät ersetzen, nur um weiterhin über ein Relais sprechen zu können? Warum sollte er DMR-IDs beantragen, Codeplugs programmieren oder Talkgroups verstehen müssen, wenn er das überhaupt nicht möchte?

Er möchte vielleicht einfach nur funken. Das ist keine Technikfeindlichkeit. Es ist eine völlig legitime Form, Amateurfunk zu betreiben.

2026 – jetzt wird es ernst

Im Jahr 2026 erreicht die Entwicklung einen neuen Punkt. Für den traditionsreichen Standort DB0HHH in Hamburg-Lohbrügge ist das Ende absehbar. Der Relaisverantwortliche teilte im Juli 2026 mit, dass das dortige 2-m- und 70-cm-Relais nach der Inbetriebnahme von DM0NDR in Hamburg-Moorfleet außer Betrieb genommen werden sollen. Als frühester Zeitpunkt wurde September 2026 genannt.

Damit verschwindet perspektivisch wieder ein etablierter Hamburger Relaisstandort. Die Versorgung soll durch neue bzw. veränderte Standorte übernommen werden. Es entsteht also nicht einfach ein schwarzes Loch auf der Funkkarte. Aber die Struktur verändert sich weiter.

Ist das nun ein Relaissterben?

Vielleicht ist „Relaissterben“ technisch betrachtet nicht ganz korrekt. Emotional trifft das Wort jedoch einen Punkt. Denn was verschwindet, ist zunehmend die klassische Relaislandschaft, wie viele Funkamateure sie über Jahrzehnte kannten.

Standorte verschwinden, andere werden zusammengelegt oder verlagert, digitale Systeme kommen hinzu und Relais werden vernetzt. Und manches einfache FM-System wird dadurch Teil einer Infrastruktur, die erheblich komplexer ist als früher.

Dabei hat FM einen gewaltigen Vorteil

Es funktioniert einfach. Ein Besucher aus München kann nach Hamburg kommen, eine Relaisfrequenz einstellen und mitfunken. Ein Funkamateur kann ein 25 Jahre altes Mobilgerät aus dem Keller holen und damit ein QSO führen. Ein frisch lizenzierter Funkamateur kann ein günstiges Handfunkgerät nehmen und erste Erfahrungen sammeln.

Kein Account. Keine Registrierung. Kein Server. Kein Codeplug. Keine Talkgroup. Frequenz einstellen und funken.

Manchmal ist Einfachheit kein Mangel. Manchmal ist sie eine Qualität.

Und was passiert bei einem Internetausfall?

Auch diese Frage darf erlaubt sein. Natürlich lassen sich digitale und vernetzte Systeme redundant und notfunktauglich aufbauen. Aber jedes zusätzliche System bringt zusätzliche Abhängigkeiten mit. Netzwerkkomponenten brauchen Strom. Links können ausfallen. Server können nicht erreichbar sein. Software kann Fehler haben.

Ein lokal arbeitendes analoges FM-Relais dagegen benötigt erstaunlich wenig Infrastruktur: Empfänger, Sender, Steuerung, Antenne und Stromversorgung. Im Idealfall kommt eine Batterie oder andere Notstromversorgung hinzu. Mehr braucht man für lokale Kommunikation zunächst nicht.

Gerade deshalb sollte das klassische FM-Relais nicht vorschnell als Technik von gestern betrachtet werden.

Muss Hamburg mit Tokio verbunden sein?

Digitale Netze ermöglichen etwas Faszinierendes: Mit einem Handfunkgerät in Hamburg kann man über entsprechende Netze mit Funkamateuren auf anderen Kontinenten sprechen. Aber wir dürfen eine ketzerische Frage stellen: Braucht ein Hamburger Stadtteilrelais das wirklich?

Wenn DO1ABC aus Bergedorf mit DL2XYZ in Altona sprechen möchte, reicht möglicherweise etwas sehr Altmodisches: Funk. Kein Internet. Kein weltweites Netzwerk. Ein Sender auf einem hohen Standort. Und zwei Funkamateure.

Für weltweite Kommunikation haben wir schließlich noch etwas anderes: Kurzwelle.

Technischer Fortschritt darf FM ergänzen – nicht verdrängen

Das ist vielleicht die wichtigste Schlussfolgerung aus den Jahren 2010 bis 2026. Es geht nicht um einen Glaubenskrieg: FM gegen DMR, Analog gegen C4FM oder Alt gegen Neu. Das wäre Unsinn. Amateurfunk lebt gerade davon, neue Technik auszuprobieren.

Wer DMR liebt, soll DMR machen. Wer D-Star spannend findet, soll D-Star nutzen. Wer mit C4FM experimentiert, soll damit experimentieren. Aber genauso sollte jemand mit seinem 30 Jahre alten 2-m-FM-Gerät weiterhin einen Platz haben.

Beides kann nebeneinander existieren.

Vielleicht sollten wir wieder mehr auf die Frequenz hören

Die entscheidende Frage ist am Ende nämlich nicht, wie viele Betriebsarten ein Relais unterstützt. Auch nicht, wie viele Server damit verbunden sind oder wie viele Talkgroups erreichbar sind.

Die entscheidende Frage lautet: Wird darüber gefunkt?

Denn ein technisch hochmodernes Relais, das DMR, D-Star, C4FM, Internetvernetzung und diverse Gateways beherrscht, ist zweifellos beeindruckend. Wenn aber niemand mehr miteinander spricht, hilft uns die schönste Infrastruktur wenig.

Am Ende bleibt eine unbequeme Frage: Wie viele Funkgeräte muss man künftig eigentlich besitzen, um das tun zu können, was auf FM selbstverständlich ist – alle Gespräche mitzuhören und sich bei Bedarf daran zu beteiligen? Zwei, drei, fünf? Für DMR, D-Star, C4FM und was als Nächstes kommt jeweils ein eigenes Gerät? Wenn digitale Betriebsarten untereinander nicht kompatibel sind, droht ausgerechnet die Digitalisierung das zu zerstören, was Amateurfunk ausmacht: dass jeder jeden erreichen kann. Technischer Fortschritt, der die Funkamateure in voneinander abgeschottete Inseln aufteilt, ist eben nicht nur Fortschritt – er ist auch Fragmentierung.

Wenn wir irgendwann einen Gerätepark brauchen, nur um wieder miteinander reden zu können, haben wir technisch vielleicht viel gewonnen – als Funkgemeinschaft aber etwas Entscheidendes verloren.

Seit 2010 hat sich technisch unglaublich viel getan. Vielleicht sollten wir 2026 deshalb nicht nur darüber nachdenken, was unsere Relais inzwischen alles können, sondern auch darüber, was viele Funkamateure eigentlich wollen:

Ein solides Relais. Eine gute Reichweite. Ein Mikrofon in der Hand. PTT drücken. Und auf der anderen Seite antwortet jemand.

Manchmal kann Amateurfunk tatsächlich so einfach sein.

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Ein Kommentar

  1. Selten einen so guten Artikel gelesen. Vielen Dank dafür. Ich habe noch keine Lizenz. Das soll sich aber ändern. Viele Grüsse aus Hamburg Volksdorf. Ralf

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